Wenn die Liebe nach Rothenburg kommt

Studenten der Filmuniversität Babelsberg drehen ihren Abschlussfilm in der ostsächsischen Provinz. Woanders haben sie schon große Ehren erfahren.

Rothenburg. Görlitz ist weit über die Grenzen der Region hinaus als Görliwood bekannt. Renommierte Regisseure aus der ganzen Welt geben sich hier die Klinke in die Hand, insbesondere, weil sie der in vielen Ecken noch vorhandene morbide Charme vergangener Jahrhunderte fasziniert und ihnen passende Kulissen liefert.

Rothenburg – wohl gemerkt das an der Neisse – hat in dieser Hinsicht bislang eher wenig von sich reden gemacht. Doch das soll sich jetzt ändern: Vom 16. Juli bis zum 2. August kommt ein etwa 20-köpfiges Team von Studenten der Filmuniversität Babelsberg hierher, um einen Abschlussfilm zu drehen. Eben jene Studenten haben bereits für Furore gesorgt: Ihre Produktion „Ela – Skizzen zum Abschied“ gewann beim Dresdner Filmfest 2017 den „Goldenen Reiter“ für den besten Kurzfilm und wurde zum Filmfestival nach Cannes eingeladen.

Jetzt also „Liebe“ – auf diesen ebenso kurzen wie prägnanten Namen hört das neueste Projekt der jungen Filmemacher um Regisseur Oliver Adam Kusio, Producer Simon Stein und Kameramann Marco Müller. Darin geht es laut Exposé um den „alternden Pfandleiher Janusz, der eines Tages vom Tod seiner Exfrau Judith erfährt und dem die Aufgabe zukommt, ihre Beerdigung organisieren. Dazu muss er in das Heimatdorf der Verstorbenen in die ostdeutsche Provinz reisen, wo längst vergessen geglaubte Ereignisse ans Tageslicht kommen.“ Dabei begleitet ihn Irena – „eine junge Frau, die Janusz Geborgenheit und körperliche Nähe bietet und die er im Gegenzug finanziell unterstützt.“ Irena fragt sich bald, „ob Janusz sie nur benutzt, um sich von den Geistern der Vergangenheit zu befreien.“ Das Ganze ergibt – so die Selbstdarstellung – einen „Film über Liebe und Schuld.“

Oliver Adam Kusio (li.), Marco Müller; Foto:PR

Warum nun aber ausgerechnet Rothenburg? „Wir haben uns die Suche nach einer geeigneten Location für unseren Film nicht leicht gemacht und Recherchefahrten durch Sachsen, Sachsen-Anhalt und Thüringen unternommen“, berichtet Producer Simon Stein. Von einer bestimmten Vorstellung geleitet, wollten sich die Filmleute aber auch „von den Orten selbst inspirieren lassen.“ Und in Rothenburg und den Dörfern in der Umgebung sprang der Funke über: „Diese Orte haben so eine Mystik, die auch dem Film etwas geben kann“, versucht es der studentische Producer zu erklären. Auch die Nähe zur polnischen Grenze habe eine Rolle gespielt: „Grenzorte erzählen schon beim Durchfahren mehr Geschichten“, meint Simon Stein. Den preisgekrönten Film „Ela“ hat das Team bereits in Polen gedreht. Doch nicht nur der allgemeine Eindruck hat eine Rolle gespielt, sondern auch das Auffinden von ganz konkreten Drehorten: Eine Wohnung in einem leer stehenden Haus in Lodenau, eine Dorfkirche, der „Preußische Hof“ in Rothenburg… „In und um Rothenburg haben wir in kurzer Entfernung alles gefunden, was wir brauchen“, so Simon Stein.

„In und um Rothenburg haben wir in kurzer Entfernung alles gefunden, was wir brauchen“

Und so kommt es nun, dass die frühere preußische Kreisstadt bald für zwei Wochen zu „Klein-Görliwood“ wird. Ebenso wie Quentin Tarantino oder Wes Anderson in Görlitz, so benötigen auch Oliver Adam Kusio und sein Team in Rothenburg die Unterstützung der Einheimischen. „Wir sind bereits mit vielen verschiedenen Personen in der Umgebung in Kontakt, um Drehmotive, Übernachtungen oder Verpflegung zu organisieren und bereits jetzt sehr dankbar für die Unterstützung, die wir vor Ort erhalten“, betont Simon Stein.

(erschienen im Juli 2017 in der Lausitzer Rundschau und im Niederschlesischen Kurier)

Tivoli hat sich wieder schön gemacht

Das Gemeindezentrum an der Görlitzer Kahlbaum-Allee wurde von einem Brand im Mai 2016 zerstört. Wie es sich jetzt wieder präsentiert, gleicht einem Wunder.

Görlitz. Himmelhoch jauchzend, zu Tode betrübt. Eugen Böhler hat in den letzten zwei Jahren alle Abstufungen der Gefühlsskala erlebt und durchlitten. Dass sich das „Tivoli“ – das Zentrum der Freien Evangelischen Gemeinde Görlitz, der Böhler als Pastor vorsteht – in seinem jetzigen Zustand darstellt, gleicht für ihn einem Wunder. Was im Mai 2016 passierte, war hingegen ein „Riesenschock“, der alles Bisherige infrage stellte.

So schön, wie sich die Räume des Gemeindezentrums an der Kahlbaum-Allee nämlich heute präsentieren, waren sie vor etwas mehr als einem Jahr schon einmal. „Damals standen wir genau an der Stelle, wo wir uns auch heute befinden“, blickt der Pastor und Gründer der Freien Evangelischen Gemeinde zurück. 14 Tage sollte es noch bis zum Einzug dauern – und dann kam die Nacht vom 6. auf den 7. Mai 2016. In der zum Tivoli-Komplex gehörenden Mälzerei brach ein Feuer aus, wütete stundenlang und hinterließ eine – frisch sanierte – Brandruine.

Das Feuer wütete stundenlang und hinterließ eine – frisch sanierte – Brandruine.

„Wir wussten zunächst nicht, wie es weitergehen soll“, blickt Eugen Böhler auf die schlimmen Tage nach dem Brand zurück. Eine Wiederholung der Aufbauleistung erschien ausgeschlossen. Doch was dann geschah, stellt das eingangs erwähnte Wunder dar: „Wir erlebten eine Welle der Solidarität, vor allem in Görlitz, aber auch bundesweit. Sach- und Geldspenden, aber auch Gebete und tröstende Worte erreichten die Gemeinde, sodass der Entschluss, es erneut im Tivoli zu versuchen, leichter fiel.“ Zudem zeigte sich die Versicherung bei der Regulierung des Schadens ausgesprochen kulant.

Bereits Anfang Juni 2016 konnten die Überreste des Dachstuhles abgetragen werden. Schon im Oktober wurden neue Böden und Decken eingezogen und die beschädigte Bauhülle verschlossen. Am 18. November wurde Richtfest gefeiert – der Rohbau stand. Ab Mitte April konnte dann die Hochschule – wie schon vor dem Brand – in der Halle wieder Sportkurse anbieten. Die Bühne verbirgt sich noch hinter einer großen Spanplatte, auch sie soll schon bald wieder genutzt werden. „Innerhalb eines Jahres haben wir im 1. und 2. Bauabschnitt den Stand erreicht, den wir vor dem Brand hatten. Dafür sind wir allen Beteiligten sehr dankbar“, erklärt Eugen Böhler. 3,4 Millionen Euro flossen in den Bau. Die Pläne für die Nutzung der Halle haben sich gegenüber ihrem Ursprung sogar erweitert – sie soll künftig einen multifunktionalen Charakter tragen, mittels Videotechnik auch Liveübertragungen ermöglichen. Mit Ausnahme der Tüv-Schule sind alle vorherigen Nutzer wieder mit an Bord.

Ein großes Fragezeichen steht noch über der Zukunft der früheren Mälzerei – des maroden hinteren Gebäudeteils, in dem der vorsätzlich gelegte Brand (das haben die Ermittlungen ergeben) ausbrach. „Dort sollen Umkleidemöglichkeiten für den Hochschulsport, ein barrierefreier Sanitärbereich und Lagerräume entstehen“, erklärt Eugen Böhler. Zum Finanzbedarf von circa 800 000 Euro besteht noch eine erhebliche Lücke: „Wir prüfen Möglichkeiten der Förderung im Sanierungsgebiet.“

All diese Aktivitäten ermöglichen es, dass das traditionsreiche Tivoli auch künftig eine wichtige Rolle im Görlitzer Stadtleben spielen kann. Ursprünglich befand sich hier eine öffentliche Badeanstalt in der Neiße („Wilhelmsbad“), später kamen Kaffeegarten, Saal und Biergarten hinzu. Zu DDR-Zeiten diente es bereits der nahe gelegenen Ingenieurschule (heute Hochschule) als Sportstätte. Seit 2014 ist die Freie Evangelische Gemeinde Eigentümerin des südlichen Gebäudeteils, im nördlichen befindet sich das östlichste Bowlingcenter Deutschlands. Letzteres blieb vom Brand weitgehend verschont.

(erschienen im Juni 2017 in der Lausitzer Rundschau und im Niederschlesischen Kurier)

Frische Farbe für den Kamenzer Christus-Comic

Die unscheinbare Justkirche birgt einen überraschenden Schatz. Der ist arg in die Jahre gekommen und wird jetzt gründlich aufpoliert.

Kamenz. Kamenz ist weithin für seine sakralen Kunstschätze bekannt. Wenn davon die Rede ist, geht es zumeist um die reichhaltige Ausstattung der Hauptkirche St. Marien oder um die sechs Schnitzaltäre der Klosterkirche. Bald schon könnte ein neues, nicht weniger bedeutendes Besuchsziel hinzukommen: Die Justkirche an der Königsbrücker Straße, unmittelbar am Fuße des Hutberges gelegen.

„Bisher hat sie im Schatten unserer weithin berühmten anderen Kirchen gestanden. Zu Unrecht“, meint der Pfarrer der Evangelisch-Lutherischen Kirchgemeinde Kamenz, Michael Gärtner. Denn in ihrem Inneren birgt die unscheinbare, kleine Kirche einen überraschenden Schatz: „Wände und Gewölbe des Chorraums tragen eine zwischen 1400 und 1420 entstandene Ausmalung mit biblischen Szenen“, wie der Pfarrer erklärt. Heute sind die Farben verblasst, die Konturen teilweise nur noch zu erahnen. Doch damals, vor 600 Jahren, als vor allem Pilger auf dem Jakobsweg durch die unscheinbare Pforte traten, muss die über und über bemalte Wand einen gewaltigen Eindruck auf sie ausgeübt haben.

Silke Kaufmann, die Leiterin des Kamenzer Lessing-Museums, ist nicht für Übertreibungen bekannt. Nach ihrer Einschätzung gehören die Malereien in der Justkirche „zu den wertvollsten Belegen mittelalterlicher Kunst in Sachsen, wenn nicht gar in Deutschland.“ Seltenheitswert verleihen ihnen demnach „die Geschlossenheit, in der sie erhalten blieben und ihr historischer Hintergrund.“ Silke Kaufmann ordnet die Wandmalereien in der Justkirche „der böhmischen Malerei um 1400, als die dortige Kunst in höchster Blüte stand“, zu. Sie dokumentieren „die enge Verbundenheit zwischen der Oberlausitz und Böhmen.“ Silke Kaufmann vergleicht die Bemalung des Chorraums mit einem „Comic“, der „als chronologische Bilderfolge eine Geschichte erzählt.“ In diesem Fall handelt es sich – angesichts des Ortes wenig überraschend – um das Leben der Heiligen Jungfrau Maria und um die Passion Christi. Beide sind als in sich abgeschlossene Zyklen an der Nord- sowie der Südwand dargestellt. Die Gewölbefelder zieren Engelsfiguren.

Katharina Bodenbach ist an den Restaurierungsarbeiten in der Kamenzer Justkirche beteiligt.

So gewaltig diese Bildergeschichte einst erschienen sein mag, so traurig präsentierte sie sich noch vor kurzem. „Im 17. Jahrhundert überputzte man die Malereien, wohl, weil sie nicht mehr dem Zeitgeschmack entsprachen“, berichtet Martin Kühne. Er führt den Vorsitz im Kamenzer Kirchbauverein, der sich stark für den Erhalt und die Restaurierung der Wandmalereien engagiert. Erst 1935 kamen diese im Zuge einer Sanierungskampagne wieder ans Tageslicht. Die damaligen Akteure meinten es in ihrem Elan wohl zu gut: „Ihre Aktivitäten haben deutliche Hackspuren auf den Gemälden hinterlassen“, wie Uwe Rähmer berichtet. Doch dies ist nicht das einzige Ärgernis, mit dem er und seine Kolleg(inn)en sich herumschlagen müssen: „Die Justkirche leidet stark unter aufsteigendem Grundwasser, das auch die unteren bemalten Bereiche erreicht. Alle Flächen sind stark verschmutzt, das Putzgefüge ist gelockert. Im Mauerwerk haben sich umfangreiche Risse gebildet, Salz und Staub führen zu großflächigen weißlichen Verfärbungen“, so der Befund des Restaurators.

Eile ist geboten, wenn man das einmalige Kunstwerk für die Nachwelt erhalten will.

Umso mehr freuen sich Pfarrer, Restaurator und Vereinsvorsitzender, dass – nach bereits erfolgten Notsicherungen – nunmehr eine groß angelegte Sanierung erfolgen kann. „Dank großzügiger Unterstützung durch Projektpartner und Förderer können neben den Malereien auch der Chordachstuhl instand gesetzt sowie die Risse in Wänden und Gewölben beseitigt werden“, so Pfarrer Michael Gärtner. Die Gesamtkosten für das Vorhaben beziffert er auf 345 000 Euro, der Abschluss ist für das Frühjahr 2018 vorgesehen. Danach soll die Justkirche nicht etwa wieder in der Abgeschiedenheit versinken, sondern den Besuchern der Lessingstadt als weitere Sehenswürdigkeit präsentiert werden. Dabei behält sie ihre Funktion als Friedhofskapelle und Ort für Gottesdienste zu besonderen Anlässen.

 

(erschienen in Lausitzer Rundschau, DNN und Oberlausitzer Kurier im Juni 2017)

 

Forschen für die Energiewende

Zittau. Das Kraftwerkslabor der Hochschule Zittau/Görlitz will seine intensive Zusammenarbeit mit Vattenfall auch mit der Lausitz Energie AG (Leag) fortführen. Am kommenden Dienstag hält das Unternehmen eine Vorstandssitzung am Zittauer Standort des Labors ab. „Für uns ist dies ein schönes Zeichen, dass auch die Leag an einer weiteren Kooperation mit uns interessiert ist“, freut sich Professor Alexander Kratzsch, Direktor des Instituts für Prozesstechnik, Prozessautomatisierung und Meßtechnik (IPM) der Hochschule.

Zusammenarbeit mit der Leag

Bis jetzt weiß die Hochschule Zittau/Görlitz laut Professor Kratzsch noch nicht, ob und in welcher Form sie den Betreiberwechsel im Lausitzer Braunkohlenrevier zu spüren bekommen wird. „Wir arbeiten mit der Leag in den Themenfeldern zusammen, die wir auch mit Vattenfall bearbeitet haben.“ Man merke aber, dass sich der neue Partner noch in einer Findungsphase befindet, die gemeinsamen Projekte würden derzeit auf „abgesenktem Niveau“ fortgeführt: „Wir hoffen, dass es ab dem nächsten Jahr wieder aufwärts geht.“

Vattenfall jedenfalls hat gern auf die Ressourcen und das Know-how des Zittauer Instituts zurückgegriffen. Das beste Beispiel dafür bildet der Speisewasserpumpenantrieb im Kraftwerk Jänschwalde – eine in einem Magnetfeld gelagerte und daher reibungsfrei arbeitende Turbine. „Die magnetische Lagerung von rotierenden Massen stellt auch eines der drei Forschungsprojekte in unserem Kraftwerkslabor dar“, erklärt Alexander Kratzsch. Die entsprechende Anlage trägt die wissenschaftliche Bezeichnung „Magnet- und Fanglagerprüfstand.“

Rotation ohne Berührung

„Die magnetische Lagerung erhöht die Effizienz der Energieerzeugung, denn sie macht die Schmierung durch Öl überflüssig“, erläutert der Institutsdirektor. Die Turbinenwelle wird durch ein Magnetfeld in der Schwebe gehalten, sie hat keinen Kontakt zu den Außenwänden. Der Abstand ist mikroskopisch klein – er beträgt gerade einmal 300 Mikrometer.

„Bisher funktioniert das bei Temperaturen von bis zu 150 Grad Celsius. Wir wollen Anlagen entwickeln, die auch bei höheren Temperaturen arbeiten“, so Alexander Kratzsch. In Jänschwalde behelfe man sich mit Kühlung, die sehr viel Energie benötige und die erzielte Effizienzsteigerung zum Teil wieder auffresse. Darüber hinaus forschen die Zittauer daran, wie sie die Turbinen gegen aggressive Umwelteinflüsse – zum Beispiel salzhaltige Luft am Meer – widerstandsfähig machen können. Ein weiteres wichtiges Thema ist auch das „Abfangen“ der Welle bei einer Havarie – wenn sich das Magnetfeld abrupt ausschaltet: „Dann rumst es richtig, wenn kein geeignetes Fanglager eingebaut ist.“ Immerhin bringt das rotierende Teil in der Versuchsanlage 1,5 Tonnen auf die Waage und dreht sich 4000 Mal in der Minute.

Theresa speichert Energie

Eine der größten Herausforderungen im Zuge der Energiewende stellt die politisch geforderte Erhöhung des Anteils von regenerativen Quellen – beispielsweise Sonnenlicht und Wind – dar. „Die Braunkohlenkraftwerke, die in Sachsen und Brandenburg den größten Teil der Grundlast decken, sind nicht für das häufige Hoch- und Herunterfahren ausgelegt, ihre Technik verschleißt dadurch schneller als geplant“, weiß Alexander Kratzsch. Genau dies wird jedoch gefordert, muss doch die Kohle immer dann „einspringen“, wenn es nicht genug Sonnen- und Windstrom gibt. An Lösungen arbeiten die südostsächsischen Forscher mithilfe von „Theresa“ – der „Thermischen Energiespeicheranlage.“ Theresa ermöglicht es den Kraftwerksbetreibern, ihre Kessel auch in Zeiten geringer Anforderung auf Betriebstemperatur zu halten und die gespeicherte Energie in Zeiten eines größeren Bedarfs abzugeben.

„Die Zwanzigerjahre dürften, was die Energiesicherheit anbelangt, eine höchst spannende Zeit werden“, prophezeit Alexander Kratzsch. „Dann nämlich gehen die letzten Atomkraftwerke vom Netz, die in weiten Teilen Deutschlands heute noch für die Grundlast sorgen.“ Aus seiner Sicht ist die deutsche Energiewirtschaft noch nicht für den „Tag X“ gerüstet. Mit Theresa wollen die Zittauer Forscher einen Beitrag dafür leisten, dass sich dies ändert.

Holzvergasung ist noch nicht verstanden

Das dritte Projekt des Kraftwerkslabors besteht in einem „thermochemischen Versuchsfeld“, mit dem die Wissenschaftler feststellen wollen, welche organischen Rohstoffe sich für eine effektive dezentrale Strom- und Wärmeversorgung eignen.

„Die Zwanzigerjahre dürften, was die Energiesicherheit anbelangt, eine höchst spannende Zeit werden“

„Dafür steht uns ein Holzgas-Blockheizkraftwerk zur Verfügung, in dem wir alles testen können, was im Wald, auf dem Feld oder auf der Wiese wächst“, so Alexander Kratzsch. Als besonders spannend empfindet er die Tatsache, dass „die thermische Verwertung von organischem Material zwar funktioniert, aber noch nicht vollständig verstanden wurde. Es gibt kein erklärendes Modell dafür. Wenn dies gelänge, könnte man den Prozess noch wesentlich verbessern.“ In diesem Punkt also steht – anders als es in der Forschung meistens der Fall ist – am Anfang die Praxis, aus der sich die Theorie ableiten soll. Geforscht wird mit dieser Anlage auch an kurzzeitigen Speichermöglichkeiten für Wärme und Kälte.

Die Zittauer Kraftwerksingenieure verfügen seit DDR-Zeiten über enge Verbindungen ins Lausitzer Revier, entwickelten sie doch schon damals maßgeblich das Know-how für die in den Braunkohlekraftwerken eingesetzte Technik. Ein in der vergangenen Woche geplanter Besuch einer Abordnung aus dem brandenburgischen Wirtschafts- und Energieministerium musste zwar aus Krankheitsgründen ausfallen, soll aber im Juni nachgeholt werden. „Die Landesgrenze zwischen Sachsen und Brandenburg existiert für uns nicht“, betont Alexander Kratzsch, dessen Vision darin besteht, dass die bestehenden Kraftwerke als Standorte der Energiewirtschaft erhalten bleiben: „Sie könnten zu Speicherkraftwerken werden, die mit den unterschiedlichsten Rohstoffen arbeiten.“ Dies ist auch eines der Themen, über die der Institutsdirektor mit den Brandenburgern reden will – so wie er es auch schon mit deren sächsischen Kollegen getan hat.

(erschienen in der Lausitzer Rundschau im Mai 2017)

Daimler setzt voll auf Kamenzer Energie

Kamenz. Der Vorstandsvorsitzende der Daimler AG, Dieter Zetsche, hat am Montag gemeinsam mit Bundeskanzlerin Angela Merkel und dem sächsischen Ministerpräsidenten Stanislaw Tillich (beide CDU) den Grundstein für das zweite Werk der Accumotive in Kamenz gelegt. Daimler investiert hier circa eine halbe Milliarde Euro in seine hundertprozentige Tochter, die sich auf die Herstellung von Lithium-Ionen-Batterien spezialisiert hat. Für den Aufbau eines weltweiten Netzwerks für diesen Zweck nimmt der Konzern eine Milliarde Euro in die Hand.

Bundeskanzlerin Merkel würdigte das Engagement des Daimler-Konzerns für die Weiterentwicklung der Batterietechnologie: „Daimler beweist hier Weisheit im Lessingschen Sinn, denn die beruht auf eigener Erfahrung.“ Die Bundesregierung stehe weiter zu dem Ziel, dass bis 2020 eine Million Elektrofahrzeuge auf Deutschlands Straßen fahren sollen: „Elektromobilität hat viel mit Lebensqualität zu tun. Wir unterstützen ihre Verbreitung durch die Schaffung von Kaufanreizen und den Ausbau der Ladeinfrastruktur.“ Ministerpräsident Tillich sieht in der Investition „einen entscheidenden Beitrag, den guten Ruf Sachsens als traditionsreiches und modernes Autoland zu festigen.“ Daimler fertigt in Kamenz Akkus sowohl für Fahrzeuge als auch für stationäre Anwendungen.

„Die Automobilindustrie steht vor einer fundamentalen Transformation, und wir begreifen uns als treibende Kraft des Wandels“, erklärte Dieter Zetsche. „Die Kamenzer Batteriefabrik ist ein wichtiger Bestandteil in der Umsetzung unserer Elektrooffensive.“ Und Produktionsvorstand Markus Schäfer ergänzte: „Die lokale Fertigung von Batterien ist der entscheidende Baustein, um die weltweite Nachfrage nach Elektrofahrzeugen flexibel und effizient zu bedienen. Mit unserem weltweiten Produktionsnetzwerk sind wir für die Mobilität der Zukunft sehr gut aufgestellt.“

„Elektromobilität hat viel mit Lebensqualität zu tun.“

Die Betriebsaufnahme des neuen Werkes ist für Ende 2018 vorgesehen. Mit ihm vervierfacht sich die Produktions- und Logistikfläche in Kamenz auf circa 80 000 Quadratmeter. Die Anzahl der Mitarbeiter erhöht sich laut den Planungen bis 2020 auf über 1000 und verdoppelt sich damit gegenüber dem heutigen Stand. „Der Besuch der Bundeskanzlerin unterstreicht die gute Perspektive des Zukunftsstandortes Kamenz“, betont Accumotive-Geschäftsführer Frank Blome.

 

Das neue Accumotive-Werk soll allerdings mehr sein als „nur“ eine der modernsten Fertigungsstätten für Batterien weltweit. Hier – in Kamenz – will der Weltkonzern Daimler die Vision von der „Industrie 4.0“ in die Tat umsetzen – einer Industrie, in der Mensch und Maschine in einer Form zusammenarbeiten, als seien sie eins. Ein Beispiel dafür bot im Rahmen der Grundsteinlegung am Montag die Auszubildende Nina Meier aus dem Daimler-Werk Sindelfingen, die mithilfe eines Robotergreifarms eine Batterie passgenau im Fahrzeug platzierte. „Die intelligente Vernetzung von Mensch und Maschine in der gesamten Wertschöpfungskette ist für Daimler ein wichtiges Thema“, unterstreicht Vorstandsvorsitzender Dieter Zetsche.

Und noch einen weiteren Aspekt will Daimler im neuen Kamenzer Accumotive-Werk auf vorbildliche Weise berücksichtigen: Die Nachhaltigkeit. „Das Streben nach Nachhaltigkeit bildet den Antrieb für die Entwicklung der Elektromobilität. Doch auch bei der Produktion setzen wir darauf: So versorgen ein Blockheizkraftwerk und eine Photovoltaik-Anlage in Verbindung mit stationären Batteriespeichern die Produktionsanlagen mit Energie“, wie Geschäftsführer Frank Blome betont. Bundeskanzlerin Angela Merkel, die an der Grundsteinlegung am Montag teilnahm, hat es sicher mit Freude vernommen: Erscheint doch das einst verkündete Ziel, bis 2020 eine Million Elektrofahrzeuge auf die Straße zu bringen, vor dem Hintergrund der bisherigen Entwicklung als sehr ambitioniert. „Wir halten an diesem Ziel fest, und Investitionen wie die von Daimler in Kamenz helfen beim Erreichen“, so die Kanzlerin. Schließlich bilde die Elektromobilität einen wichtigen Bestandteil der angestrebten Energiewende.

(Erschienen in Lausitzer Rundschau und Oberlausitzer Kurier im Mai 2017)

Hier die entsprechende Seite aus der Lausitzer Rundschau:

Seite 3 LR 23.5.2017

Nachhilfe für die Retter des Abendlandes

Im Bibelland Oberlichtenau ist ab dem 20. Mai eine der bedeutendsten deutschen Bibelsammlungen zu sehen. Sie findet hier ihr dauerhaftes Domizil.

Oberlichtenau. Maik Förster hat einen Coup gelandet: Es ist dem bekannten „Bibelgärtner“ gelungen, eine der bedeutendsten Ausstellungen zur Geschichte der Heiligen Schrift nach Oberlichtenau zu holen. Unter dem Titel „Von Kanaan nach Sachsen – Expo Testamente“ wird das Lebenswerk des Publizisten und Bibelforschers Francois Traudisch ab dem 20. Mai (Beginn der Eröffnungsveranstaltung: 14.00 Uhr) im Bibelland des cv-aktiv Reisedienst e.V. gezeigt.

„Wie so oft im Leben hat dabei das Glück eine große Rolle gespielt“, bekennt Maik Förster. Beim Kaffee habe er in Griechenland mit einem Pfarrer aus dem nordrhein-westfälischen Waldbröl zusammengesessen, der ihm von der Ausstellung berichtete. „Sie sei von einem 85-Jährigen zusammengetragen worden, der jetzt nach einem dauerhaften Domizil für die – wie er sie selbst nenne – ‚Mutter aller Bibelausstellungen‘ suche.“ Also nahm Förster Kontakt zu der Familie von Francois Traudisch auf und einigte sich mit ihr. Und so kam es, dass die Exposition ab dem 20. Mai dauerhaft im Bibelland Oberlichtenau zu sehen sein wird.

Maik Förster – hier mit dem Faksimile einer Qumran-Schriftrolle – freut sich, eine der bedeutendsten Bibelsammlungen Deutschlands nach Oberlichtenau geholt zu haben.

„Diese Ausstellung stellt eine optimale Ergänzung unseres bisherigen Angebotes dar“, freut sich der Oberlichtenauer Bibelgärtner. Spielen doch die Bibel und die Geschichten, die sich um die Entstehung der Heiligen Schrift des Christentums ranken, seit der Gründung im Jahre 2005 die zentrale Rolle im Bibelgarten oder – so die neuere Bezeichnung – Bibelland. Im Laufe der Jahre kreierten Maik Förster und seine Mitstreiter immer neue Angebote: Von der Weinkelter bis zum Felsengrab, von der Byzantinischen Basilika bis zum Israelitischen Altar vermittelt das Bibelland einen authentischen Einblick in die Lebenswelt des Alten und Neuen Testaments.

Nun also die Traudisch-Ausstellung. Francois Traudisch trug seit 1969 die wohl umfassendste und vollständigste Sammlung zur Bibelgeschichte im deutschsprachigen Raum zusammen. Sie enthält für Maik Förster „sensationelle Dinge“ – beispielsweise ein Modell der Essener-Siedlung Qumram, in der die berühmten gleichnamigen Schriftrollen entdeckt wurden – zu ihnen zählen die bislang ältesten bekannten Bibelhandschriften. „Das Modell stellt das Original sehr treffend dar“, urteilt Maik Förster, der das natürliche „Vorbild“ aus mehrmaliger eigener Anschauung kennt. Ein Faksimile – also eine originalgetreue Nachbildung – lagert in einem Tontopf, so wie es auch bei den echten Rollen der Fall war. Von Qumran spannt sich der zeitliche Bogen über Gutenberg – dessen Erfindung des Buchdrucks erst die weite Verbreitung ermöglichte – bis hin zu Chagall, der sich ebenfalls an der Heiligen Schrift versuchte.

„Ich freue mich sehr, dass es gerade in der heutigen Zeit gelungen ist, diese Ausstellung nach Sachsen zu holen“,

bekennt Maik Förster. Werde doch oftmals in politischen Sonntagsreden postuliert, dass das Abendland gerettet werden müsse. „Viele, die so etwas sagen, haben gar keine Ahnung, was das Abendland eigentlich darstellt und was seine Wurzeln bildet.“ Förster selbst reist mehrmals im Jahr mit Reisegruppen nach Israel und zu anderen biblischen Schauplätzen. Wenn jemand in der Lage ist, eine authentische Verbindung zwischen Original und Replik herzustellen, dann er.

Bis zum Eröffnungstag soll auch eine weitere neue Attraktion – das kretische Labyrinth – fertiggestellt und begehbar sein. Mit 40 000 Euro eine beachtliche Investition – in noch größerem Maße trifft dies auf die Erneuerung des Scheunendachs zu, die 137 000 Euro gekostet hat (der Eigenanteil betrug 35 000 Euro). Für die kommenden Jahre liegt der Schwerpunkt im Bibelland laut Maik Förster im Erhalt des bereits Geschaffenen. Keine leichte Aufgabe – steht das in der Vergangenheit gern genutzte Instrument der ABM-Beschäftigung doch nicht mehr zur Verfügung. „Der Mindestlohn macht vieles, was uns in der Vergangenheit geholfen hat, unmöglich. Auf der anderen Seite erschwert er die Integration von Menschen mit Handicap in den Arbeitsmarkt“, hadert der Bibelgärtner mit der Politik. Gute Erfahrungen hingegen hat er in den letzten Jahren mit Straftätern gemacht, die zu gemeinnütziger Arbeit verurteilt wurden und diese im Bibelland ableisten.

(erschienen in Oberlausitzer Kurier und Lausitzer Rundschau im Mai 2017)

 

Sind sorbische Lehrer ein Auslaufmodell?

Der sorbische Schulverein schlägt Alarm: Nur ein Herabsetzen der Anforderungen kann den drohenden Lehrermangel abwenden.

Crostwitz. Die Situation hinsichtlich der Gewinnung von Lehrernachwuchs für die sorbischen Schulen im Freistaat Sachsen ist dramatisch. „Es fehlen in ganz Sachsen Lehrer; bei uns ist das jedoch existenziell bedrohlich“, wählt die Vorsitzende des Sorbischen Schulvereins, Ludmila Budar, deutliche Worte. Und der scheidende Vorsitzende des Sorbischen Künstlerbundes, Benedikt Dyrlich, drückt es noch dramatischer aus:

„Falls das Problem nicht schnellstens politisch gelöst wird, gibt es keine Zukunft für die sorbische Sprache und Kultur.“

Dabei hatte doch die Staatsregierung ein ganzes Maßnahmenpaket geschnürt, um genügend Nachwuchs für die sorbisch unterrichtenden Schulen zu gewinnen. Doch erfolgt die Umsetzung nach Einschätzung von Ludmila Budar bislang nur halbherzig oder gar nicht. Bis zum Jahre 2025 scheiden laut dem Sächsischen Kultusministerium an den nach dem Konzept „2+“ unterrichtenden Schulen 99 Lehrer aus dem Dienst aus. „Doch diese Zahl ist geschönt, denn sie erfasst nur die altersbedingten Abgänge“, so die Vereinsvorsitzende. 2015 zählte das Institut für Sorabistik an der Universität Leipzig 20 Lehramtsstudenten, neuere Zahlen liegen noch nicht vor.

„Zu dem Maßnahmenpaket vom August 2016 gehörte unter anderem die gezielte Werbung an Schulen nicht nur in Bautzen, Kamenz und Hoyerswerda, sondern auch in Görlitz und Pirna. Über eine Umsetzung ist mir nichts bekannt“, so Ludmila Budar. Auch die versprochenen Kurse zur berufsbegleitenden Qualifizierung von Lehrern in der sorbischen Sprache gebe es noch nicht, ebensowenig wie für sorbische Berufstätige zum Erwerb der Lehramtsbefähigung.

Dabei mangelt es nicht am Interesse. „Ich führe viele Gespräche mit jungen Menschen, die gern als Lehrer an sorbischen Schulen arbeiten möchten. Seit 2006 absolvierten 44 junge Männer und Frauen in Kindergärten und Horten des Sorbischen Schulvereins ein Freiwilliges Soziales Jahr, die Hälfte davon ergriff später den Lehrer- oder Erzieherberuf.“

Das Problem: Mit der eigentlichen Personalrekrutierung hat der Verein nichts zu tun, dafür ist die Sächsische Bildungsagentur zuständig. „Und dort fallen zwei Drittel der Interessenten durchs Raster, weil sie nicht die geforderte Qualifikation besitzen“, beklagt Ludmila Budar. Dies führe zu angesichts der aktuellen Situation zum Teil grotesken Entscheidungen. Würden diese Hürden nicht herabgesetzt, dann sehe sie für die Zukunft der Lehrergewinnung schwarz. Benedikt Dyrlich nimmt Bezug auf die Situation nach 1945: „Damals wurde dem Lehrermangel durch die Einstellung von Neulehrern begegnet, deren Qualifizierung parallel zur beruflichen Tätigkeit erfolgte.“ Natürlich, so betont er, könne man die heutige Zeit nicht mit damals vergleichen, da die Gründe für den Lehrermangel völlig andere seien. „Und dennoch sehen wir uns auch heute einer Situation gegenüber, die nach neuen Wegen verlangt.“

„Wir sollten zunächst die Muttersprachler mit allen Mitteln gewinnen, bevor wir andere ‚zu Sorben machen’“

Ein solcher „neuer Weg“ könnte die Rekrutierung von Lehrernachwuchs im Ausland sein. In Tschechien wird beispielsweise schon um Lehrer für sorbische Schulen in Sachsen geworben. Benedikt Dyrlich berichtet von einem Gespräch mit dem Direktor des Instituts für Sorabistik an der Universität Leipzig, Professor Eduard Werner: „Er kann sich vorstellen, Quereinsteiger aus ganz Europa in einem zwei Semester dauernden ‚Crashkurs‘ so fit zu machen, dass sie das Sorbische auf muttersprachlichem Niveau beherrschen und in das Lehramtsstudium einsteigen können.“ Jedoch müssten zuvor die politischen Rahmenbedingungen geklärt sein.

Ein Weg, den Ludmila Budar allerdings eher skeptisch sieht: „Wir sollten zunächst die Muttersprachler mit allen Mitteln gewinnen, bevor wir andere ‚zu Sorben machen’“, meint sie. Und da gebe es noch viel Potenzial, wenn man sich die Zahl und die Begründungen für die bisherigen Absagen vonseiten der Bildungsagentur ansehe. Immerhin verspricht die bildungspolitische Sprecherin der SPD-Fraktion im Landtag, Sabine Friedel, das Thema im Kultusministerium ansprechen zu wollen: „Wir müssen uns fragen was schädlicher ist: Ein Herabsetzen der Anforderungen oder ein gravierender Lehrermangel.“

(erschienen in Lausitzer Rundschau und Oberlausitzer Kurier im Mai 2017)

Freistaat Sachsen baut die Bautzener Polizeischule aus

Das Fortbildungszentrum der sächsischen Polizei braucht mehr Platz. Ministerpräsident Stanislaw Tillich informierte sich am Dienstag über die Pläne.

Bautzen. Sarah Hofmann und Meike Leheis arbeiten hochkonzentriert. Während eine der beiden jungen Frauen in Polizeiuniform mit einem Pinsel über einen Fensterrahmen streicht, dokumentiert ihre Kollegin alles mit der Kamera. „Wir üben hier das Sichern von Spuren eines Einbruchs“, berichtet Sarah Hofmann. Die Spurensicherung bildet einen der wesentlichen Ausbildungsinhalte am Standort Bautzen der Sächsischen Polizeihochschule.

„Leider findet die Ausbildung unter sehr beengten räumlichen Bedingungen statt. Dies um so mehr angesichts der absehbar steigenden Studentenzahlen in den nächsten Jahren“, erklärt Rektor Harald Kogel. Wurden 2016 noch 100 Kommissarsanwärter eingestellt, so steigt diese Zahl 2017 auf 135 und 2018 sowie in den Folgejahren auf 150. Hinzu kommen jährlich 75 „Aufstiegsbeamte“ – erfahrene Polizisten im Rang eines Obermeisters, die in den gehobenen Dienst und somit in den Kommissarsrang aufsteigen wollen. Ihr erstes Studienjahr absolvieren die Anwärter in Bautzen, danach wechseln sie an den Standort Rothenburg/OL. Doch das ist nicht alles, finden doch in Bautzen auch die Fortbildungslehrgänge für bereits im Dienst befindliche Polizeibeamte statt. Alles in allem geht Harald Kogel von einer benötigten Kapazität von 150 Aus- und 125 Fortbildungsplätzen in Bautzen ab dem Studienjahr 2018/19 aus.

vorn v.l.: Landtagsabgeordneter Marko Schiemann (CDU), Rektor Harald Kogel, Ministerpräsident Stanislaw Tillich

„Wir wissen um die Notwendigkeit, die sächsische Polizei zu verstärken, und haben mit dem Doppelhaushalt 2017/18 die Weichen für die Erweiterung der Ausbildungsstätten gestellt“, so Ministerpräsident Stanislaw Tillich (CDU), der sich am Dienstag in Bautzen über die derzeitigen Ausbildungsbedingungen und die geplanten Baumaßnahmen informierte. Diese sollen laut Norbert Seibt, Niederlassungsleiter des Staatsbetriebes Immobilien- und Baumanagement (SIB) im zweiten Halbjahr 2018 beginnen. „In Bautzen verfügen wir im Gegensatz zu Rothenburg über Erweiterungsmöglichkeiten auf dem Gelände. Das ist ein großer Vorteil“, betont er. So sehen die Planungen dann auch hauptsächlich Neubauten auf der großen zentralen Freifläche – dem früheren Sportplatz – vor. Hier soll ein neues Trainingszentrum mit Sporthalle, Raumschießanlage und „Handlungsräumen“ – also Räumlichkeiten, in denen die jungen Beamten bestimmte Einsatzszenarien üben können – entstehen.

„Gerade für das Schießtraining müssen wir derzeit weite Wege zurücklegen.“

Darüber hinaus sind hier eine neue Mensa und zusätzliche Unterkünfte vorgesehen. „Gerade für das Schießtraining müssen wir derzeit weite Wege zurücklegen. So nutzen wir unter anderem Anlagen in Kamenz, Dresden und Pirna, für das Schießtraining mit Langwaffen müssen wir sogar bis nach Heyda bei Riesa fahren“, berichtet Standortleiter Manfred Weißbach. Der Sportunterricht findet hauptsächlich in angemieteten Hallen in der Stadt statt, auf dem Gelände selbst gibt es lediglich eine kleine Judohalle. Für den neuen „Campus“ sind im Doppelhaushalt des Freistaates Sachsen 2017/18 insgesamt 4,1 Millionen Euro veranschlagt.

v.l.n.r.: MP Tillich, Wachpolizist David Mieth, Schießtrainer Andreas Kintzel

Dieser bildet allerdings nur den ersten von zwei Bauabschnitten. Im zweiten Schritt soll das markante Eingangsgebäude saniert und als Fortbildungsstätte für die Polizeidirektion Görlitz sowie als Domizil für die Autobahnpolizei und die Kriminalaußenstelle hergerichtet werden. Bis 2022 soll laut Norbert Seibt die Gesamtmaßnahme abgeschlossen sein. „Wir wären froh, wenn es schneller gehen würde. Aufgrund des Umfangs muss die Maßnahme aber europaweit ausgeschrieben werden“, erläutert Ministerpräsident Tillich.

 

erschienen am 4. Mai 2017 in der Lausitzer Rundschau

Frau Reppe schlägt Grün zu Blau

Der Pulsnitzer Blaudruck gehört jetzt zum immateriellen Kulturerbe. Die deutsche Sprache verdankt diesem Handwerk viele noch heute gebräuchliche Redewendungen.

Pulsnitz. „Wir lassen lieber die Tür ein wenig offen. Der Geruch kann anstrengend sein. Ich selber habe mich schon daran gewöhnt.“ Cordula Reppe ist um das Wohlergehen ihrer Besucher bemüht. Tatsächlich verströmt der Bottich (oder fachsprachlich Küpe), in den die Leiterin der Pulsnitzer Blaudruckwerkstatt die Stoffbahnen eintaucht, einen recht intensiven Duft. Hier soll das Leinen seine intensive blaue Färbung erhalten, welcher der Blaudruck seinen Namen verdankt – doch heraus kommen die Tücher in einem Farbton, der eher an einen sumpfigen Wiesentümpel erinnert.

„Schnell geht hier gar nichts. Blaudruck erfordert Geduld“, sagt Cordula Reppe und versenkt die Bahnen erneut. Erst nach Dutzenden dieser „Tauchgänge“, unterbrochen durch Trocknungsphasen an der Luft, nimmt der Stoff nach und nach die begehrte tiefblaue Färbung an. Hin und wieder schlägt die Blaudruckerin mit einem Stock auf die Bahn, um Falten auszutreiben, denn nur so erreicht sie eine gleichmäßige Färbung.

„Von dieser Tätigkeit leitet sich der alte Spruch her: ‚Ich schlage dich grün und blau. Ursprünglich hieß es nämlich: Ich schlage grün zu blau.“

Schon bevor Cordula Reppe den Stoff in die Küpe tauchen konnte, hatte sie eine Menge Mühe damit. So musste sie erst in akribischer Arbeit mit dem Model – einer stempelähnlichen Form – den Papp auftragen, eine aus Kaolin hergestellte Substanz, welche die Stellen für die späteren weißen Muster auf dem blauen Untergrund freihält. Der Papp muss ganz speziellen Anforderungen genügen: So darf er nicht verlaufen und sich auch nicht im Indigobad auflösen. Erst in der anschließenden Reinigungsprozedur, zu der unter anderem Schwefelsäure gehört, darf er sich verflüchtigen – dann aber auch bitteschön vollständig.

Ein solch kompliziertes und gleichzeitig effektvolles Handwerk hat mehr Aufmerksamkeit verdient, als ihm in der Vergangenheit zuteil wurde. Das sagten sich auch die österreichischen Blaudrucker und beantragten die Aufnahme ins nationale immaterielle Kulturerbe ihres Landes. 2015 wurde diesem Ansinnen stattgegeben. Was die Österreicher können, können wir auch, meinten die Kollegen in Ungarn, Tschechien, der Slowakei und Deutschland. Und: Mittlerweile haben sie es alle geschafft, in die entsprechenden Listen ihrer Heimatländer aufgenommen zu werden. Für den deutschen Hand-Blaudruck und damit auch für die Pulsnitzer Werkstatt war es im Dezember 2016 soweit.

„Das ist aber erst der Anfang“, betont Cordula Reppe. „Gemeinsam wollen wir auch auf die internationale Unseco-Liste des immateriellen Kulturerbes.“ Die entsprechende Nominierung soll noch in diesem Jahr erfolgen. Der nächste und letzte Schritt wäre dann das Weltkulturerbe – doch das ist für Cordula Reppe noch ferne Zukunftsmusik.

„Gemeinsam wollen wir auch auf die internationale Unseco-Liste des immateriellen Kulturerbes.“

Neben der Anerkennung und der Werbung auf einer gemeinsamen Internetseite hat der Kulturerbestatus noch einen weiteren Nutzen: „Mit diesem Titel wird der Blaudrucker als Berufsstand und Ausbildungsberuf anerkannt und kann weiter am Leben erhalten bleiben“, wie Evelin Rietschel von der Stadtverwaltung Pulsnitz erklärt. Ohne diesen Rückenwind droht das alte Handwerk auszusterben, obwohl es reichlich Interesse an den Erzeugnissen gibt. Und noch etwas macht Hoffnung: „Katja Fietz, eine Studentin der Fachhochschule Dresden, hat den Blaudruck zum Thema ihrer Bachelorarbeit gemacht und eine eigene Kollektion erstellt. Sie will unser Handwerk in die Moderne führen“, freut sich Cordula Reppe.

Es wäre auch zu schade um dieses schöne Handwerk, das die deutsche Sprache um so viele Redewendungen bereichert hat. Beispielsweise um den „blauen Montag“: „Das frühere Färbemittel Waid benötigte Urin, um seine Wirkung zu entfalten. Die Zugabe erfolgte meistens am Montag, nachdem der Blaudrucker am Sonntag in der Wirtschaft ordentlich gebechert hatte. Danach war er so müde, dass er den Rest des Montags frei nahm“, erzählt Cordula Reppe. Wenn er da mal nicht sein „blaues Wunder“ erlebt hat …

 

erschienen am:

11. April 2017 in der Lausitzer Rundschau

22. April 2017 im Oberlausitzer Kurier