Sind sorbische Lehrer ein Auslaufmodell?

Der sorbische Schulverein schlägt Alarm: Nur ein Herabsetzen der Anforderungen kann den drohenden Lehrermangel abwenden.

Crostwitz. Die Situation hinsichtlich der Gewinnung von Lehrernachwuchs für die sorbischen Schulen im Freistaat Sachsen ist dramatisch. „Es fehlen in ganz Sachsen Lehrer; bei uns ist das jedoch existenziell bedrohlich“, wählt die Vorsitzende des Sorbischen Schulvereins, Ludmila Budar, deutliche Worte. Und der scheidende Vorsitzende des Sorbischen Künstlerbundes, Benedikt Dyrlich, drückt es noch dramatischer aus:

„Falls das Problem nicht schnellstens politisch gelöst wird, gibt es keine Zukunft für die sorbische Sprache und Kultur.“

Dabei hatte doch die Staatsregierung ein ganzes Maßnahmenpaket geschnürt, um genügend Nachwuchs für die sorbisch unterrichtenden Schulen zu gewinnen. Doch erfolgt die Umsetzung nach Einschätzung von Ludmila Budar bislang nur halbherzig oder gar nicht. Bis zum Jahre 2025 scheiden laut dem Sächsischen Kultusministerium an den nach dem Konzept „2+“ unterrichtenden Schulen 99 Lehrer aus dem Dienst aus. „Doch diese Zahl ist geschönt, denn sie erfasst nur die altersbedingten Abgänge“, so die Vereinsvorsitzende. 2015 zählte das Institut für Sorabistik an der Universität Leipzig 20 Lehramtsstudenten, neuere Zahlen liegen noch nicht vor.

„Zu dem Maßnahmenpaket vom August 2016 gehörte unter anderem die gezielte Werbung an Schulen nicht nur in Bautzen, Kamenz und Hoyerswerda, sondern auch in Görlitz und Pirna. Über eine Umsetzung ist mir nichts bekannt“, so Ludmila Budar. Auch die versprochenen Kurse zur berufsbegleitenden Qualifizierung von Lehrern in der sorbischen Sprache gebe es noch nicht, ebensowenig wie für sorbische Berufstätige zum Erwerb der Lehramtsbefähigung.

Dabei mangelt es nicht am Interesse. „Ich führe viele Gespräche mit jungen Menschen, die gern als Lehrer an sorbischen Schulen arbeiten möchten. Seit 2006 absolvierten 44 junge Männer und Frauen in Kindergärten und Horten des Sorbischen Schulvereins ein Freiwilliges Soziales Jahr, die Hälfte davon ergriff später den Lehrer- oder Erzieherberuf.“

Das Problem: Mit der eigentlichen Personalrekrutierung hat der Verein nichts zu tun, dafür ist die Sächsische Bildungsagentur zuständig. „Und dort fallen zwei Drittel der Interessenten durchs Raster, weil sie nicht die geforderte Qualifikation besitzen“, beklagt Ludmila Budar. Dies führe zu angesichts der aktuellen Situation zum Teil grotesken Entscheidungen. Würden diese Hürden nicht herabgesetzt, dann sehe sie für die Zukunft der Lehrergewinnung schwarz. Benedikt Dyrlich nimmt Bezug auf die Situation nach 1945: „Damals wurde dem Lehrermangel durch die Einstellung von Neulehrern begegnet, deren Qualifizierung parallel zur beruflichen Tätigkeit erfolgte.“ Natürlich, so betont er, könne man die heutige Zeit nicht mit damals vergleichen, da die Gründe für den Lehrermangel völlig andere seien. „Und dennoch sehen wir uns auch heute einer Situation gegenüber, die nach neuen Wegen verlangt.“

„Wir sollten zunächst die Muttersprachler mit allen Mitteln gewinnen, bevor wir andere ‚zu Sorben machen’“

Ein solcher „neuer Weg“ könnte die Rekrutierung von Lehrernachwuchs im Ausland sein. In Tschechien wird beispielsweise schon um Lehrer für sorbische Schulen in Sachsen geworben. Benedikt Dyrlich berichtet von einem Gespräch mit dem Direktor des Instituts für Sorabistik an der Universität Leipzig, Professor Eduard Werner: „Er kann sich vorstellen, Quereinsteiger aus ganz Europa in einem zwei Semester dauernden ‚Crashkurs‘ so fit zu machen, dass sie das Sorbische auf muttersprachlichem Niveau beherrschen und in das Lehramtsstudium einsteigen können.“ Jedoch müssten zuvor die politischen Rahmenbedingungen geklärt sein.

Ein Weg, den Ludmila Budar allerdings eher skeptisch sieht: „Wir sollten zunächst die Muttersprachler mit allen Mitteln gewinnen, bevor wir andere ‚zu Sorben machen’“, meint sie. Und da gebe es noch viel Potenzial, wenn man sich die Zahl und die Begründungen für die bisherigen Absagen vonseiten der Bildungsagentur ansehe. Immerhin verspricht die bildungspolitische Sprecherin der SPD-Fraktion im Landtag, Sabine Friedel, das Thema im Kultusministerium ansprechen zu wollen: „Wir müssen uns fragen was schädlicher ist: Ein Herabsetzen der Anforderungen oder ein gravierender Lehrermangel.“

(erschienen in Lausitzer Rundschau und Oberlausitzer Kurier im Mai 2017)

Schreibe einen Kommentar

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Erforderliche Felder sind mit * markiert.

Hinweis: Unsere vollständige Datenschutzerklärung finden Sie im Menüpunkt Datenschutz. Sie können Ihre Einwilligung jederzeit für die Zukunft per Mail an kontakt@redaktionsbuero-menschner.de widerrufen.