Vom Kerbstift bis zum Kotflügel

Hinweis: Dieser Beitrag stammt vom August 2015 und entspricht möglicherweise nicht mehr dem aktuellen Stand. er wurde hier als Referenz veröffentlicht.

Deutschlands größtes Original-Trabiteilelager befindet sich in Großröhrsdorf

Großröhrsdorf. Trabant, Wartburg, Barkas – noch vor ein paar Jahren schien es, als ob diese Fahrzeuge aus DDR-Produktion bald von den Straßen verschwinden würden. Doch der Wind hat sich gedreht: Seit einiger Zeit steigen die Zulassungszahlen und vor allem die Preise wieder an – ein klares Zeichen dafür, dass es mit „Trabi & Co.“ noch lange nicht vorbei ist. Einer, der auf diesen Trend setzt, ist der Großröhrsdorfer Detlef Kunze.

95_trabimann1
Im Zeichen des Trabant: Detlef Kunze hat in Großröhrsdorf das nach eigenen Angaben größte Lager von Originalteilen für die legendäre DDR-Automarke aufgebaut.

Als „größtes Trabi-Ersatzteillager der Welt“ hat ein regionaler Fernsehsender unlängst das Firmengelände von „Project 601“ an der Großröhrsdorfer Adolphstraße bezeichnet. Inhaber Detlef Kunze muss schmunzeln, wenn er daran denkt. „Damit haben die Fernsehleute ein wenig zu hoch gegriffen, denn ich weiß nicht, was in anderen Ländern, vor allem in Osteuropa, noch alles existiert.“ Eines jedoch hat der Ostsachse ganz gewiss: „Das deutschlandweit größte Lager für Trabant-Originalteile.“

Originalteile – darauf legt Detlef Kunze Wert. Vieles von dem, was heutzutage in den DDR-Kultautos als Ersatzteil verbaut wird, stammt als Nachbau aus Italien oder China und hat „nicht die Qualität der original hergestellten Teile“, wie der Großröhrsdorfer betont. Er hingegen handelt fast ausschließlich mit Teilen, die noch in der DDR „das Licht der Welt“ erblickten, was beim Laien die erstaunte Frage hervorruft: Gibt es denn davon überhaupt noch so viele?

„Am Trabant konnte man eben noch vieles selber machen – wenn man das richtige Teil hatte.“  (Detlef Kunze)

„Und ob“, sagt Detlef Kunze und lacht vergnügt. Erst unlängst hat er einen früheren IFA-Betrieb in Warschau aufgekauft, was wieder einen großen Teilenachschub mit sich brachte. „Die Auflösung von früheren Lagern dieser DDR-Autohandelsorganisation oder auch von privaten Kfz-Werkstätten bildet eine wichtige Bezugsquelle“, wie der gelernte Kfz-Mechaniker versichert. Mancher alte Meister habe die Teile „in Größenordnungen“ angehäuft: „Nein, Teile gibt es wahrlich noch genug.“ Sicher auch, weil Ersatzteile in der Philosophie der DDR-Autoproduktion eine ganz andere und viel wichtigere Rolle spielten als heutzutage: „Am Trabant konnte man eben noch vieles selber machen – wenn man das richtige Teil hatte.“

95_trabimann2

Wie viele unterschiedliche Trabant-Teile – vom Kerbstift bis zur Kurbelwelle – es überhaupt gibt, vermag Detlef Kunze auf Anhieb gar nicht zu sagen: „Über 1000 sind es jedoch auf alle Fälle.“ Hinzu kommt, dass der Trabant ja auch verschiedene Entwicklungsstufen durchlief, auch wenn das nach außen nicht immer gleich sichtbar wurde.

1995 begann Detlef Kunze zunächst mit Trabant-Tuning, nachdem er zuvor als Handelsvertreter für Autozubehör unterwegs gewesen war. Einige Jahre später begann er, ein Lager für Verschleißteile aufzubauen – zunächst nur für Trabant, später auch für Wartburg und Barkas. Dieses ist mittlerweile auf „einige 100 000“ Stück angewachsen. In Reih und Glied lagern Kotflügel, Türen, Kurbelwellen, Felgen, größere und kleinere Karosserieteile, Motoren, Bremsscheiben und Lenkstangen sowie unzählige Kleinteile … Ein Paradies für jeden Freund des DDR-Fahrzeugbaus, doch noch viel mehr als das: Ein Geschäft, das dem Inhaber und zwei Angestellten ihr Auskommen sichert. Ein nach modernen Gesichtspunkten geführter Betrieb, wie vor allem im Versand deutlich wird. Denn dieser bildet das eigentliche Herzstück: „Die Kunden suchen sich im Onlineshop, was sie brauchen, oder fragen ganz gezielt. Daraufhin suchen wir das Teil heraus und verschicken es – bislang in knapp 30 Länder, darunter Neuseeland.“ Alle Teile, die in den Versand kommen, müssen „piccobello“ sein, denn : „Selbst wenn sie vielleicht vor 30 Jahren hergestellt wurden, waren sie nie in einem Fahrzeug verbaut, gelten also als Neuteile.“ Project 601 stellt sich den Anforderungen der ISO-Zertifizierung, die alle drei Jahre erneuert werden muss.

„Selbst wenn sie vielleicht vor 30 Jahren hergestellt wurden, waren sie nie in einem Fahrzeug verbaut, gelten also als Neuteile.“ (Detlef Kunze)

Doch selbst Detlef Kunze kann nicht jeden Wunsch auf Anhieb erfüllen. „Manche Kunden fragen nach Teilen, die ich nicht auf Lager habe“, bekennt er. Dann erwacht der Detektiv in ihm, der alle Register zieht, um das Gewünschte zu beschaffen – zum Beispiel auf Oldtimer- oder gar auf Trödelmärkten. Besondere Raritäten sammelt und bewahrt Detlef Kunze auch selbst, wie Lüftungsgitter, die nicht wie üblich aus Aluminium, sondern aus Stahl hergestellt und anschließend verchromt wurden: „Die sind unverkäuflich.“ Und – natürlich – hat Detlef Kunze nicht nur einen, sondern mehrere Trabis in der Garage stehen, die allerdings nur zu besonderen Anlässen auf die Straße kommen – wie es mittlerweile bei den meisten der DDR-Kultfahrzeuge der Fall ist. „Manche mögen es belächeln, doch für die meisten Besitzer verbindet sich damit die Erinnerung an eine schöne Zeit“, meint er.

Schreibe einen Kommentar

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Erforderliche Felder sind mit * markiert.

Hinweis: Unsere vollständige Datenschutzerklärung finden Sie im Menüpunkt Datenschutz. Sie können Ihre Einwilligung jederzeit für die Zukunft per Mail an kontakt@redaktionsbuero-menschner.de widerrufen.